Schalenbeton – Ostmoderne – Ulrich Müther

Schalenbeton Bushaltestelle Ulrich Müther

Ulrich Müther hat zwischen 1963 und 1991 etwa 74 Schalentragwerke aus Beton entworfen und mit seinem eigenen Betrieb errichtet. Die meisten stehen an der Ostseeküste, viele davon auf Rügen. Die Jahre 1964 bis 1992 dienen hier als Betrachtungszeitraum: vom ersten realisierten Hyparschalenbau in Binz bis in die Zeit, in der die Ostmoderne ihre Auftraggeber verlor.

Müthers Bedeutung liegt in einer seltenen Verbindung: Er war Ingenieur und Bauunternehmer in einer Person und konnte deshalb Betonschalen von nur wenigen Zentimetern Stärke berechnen, schalen und selbst bauen. Aus wenig Material entstanden so stützenfreie Räume. Der „Teepott“ in Warnemünde etwa trägt eine Schalenfläche von 1.200 Quadratmetern bei sieben Zentimetern Dicke.

Heute stehen diese Bauten in drei Zuständen nebeneinander. Einige sind sorgfältig instand gesetzt, andere umgenutzt oder leer, und einige sind abgerissen. Wer Schalenbeton als Baukultur lesen will, braucht deshalb einen genauen Blick auf Konstruktion, Zusammenarbeit und Bestand.

Ulrich Müther – Schalenbauten (Kurzüberblick)

Erfasst sind 94 Bauwerke: 82 auf dem Gebiet der DDR, 12 außerhalb, 17 abgerissen. Wikipedia und Tanja Seeböck zählen insgesamt rund 74 Schalenbauten; die oft genannte Zahl 60 in der DDR und 9 im Ausland meint die Kernwerke.

DDR (Auswahl)

Haus der Stahlwerker Binz 1964 · Inselparadies Baabe 1966 · Messehalle Rostock-Schutow 1966 · Buswartehalle Binz 1967 · Bürgergarten Templin 1967 · Teepott Warnemünde 1968 · Mehrzweckhalle Rostock-Lütten Klein 1968 · Ostseeperle Glowe 1968 · Hyparschale Magdeburg 1969 · Stadthalle Neubrandenburg 1969 · Rennrodelbahn Oberhof 1969 · Raststätte Lonnewitz 1970 · Kunstpavillon Heringsdorf 1970 · Ruderzentrum Dresden-Blasewitz 1970 · Christuskirche Rostock 1971 · Gaststätte Panorama Schwerin 1972 · Ahornblatt Berlin 1973 · Planetarium Juri Gagarin Cottbus 1974 · Mensa Wismar 1975 · Rettungsturm Binz 1981 · Seerose Potsdam 1983 · Bobbahn Altenberg 1986 · Zeiss-Großplanetarium Berlin 1987 · Kurmuschel Sassnitz 1987.

Schwerpunkt: Rügen und Ostseeküste, dazu Hallen, Gaststätten, Kirchen, Planetarien und Sportstätten von Rostock bis Magdeburg.

Außerhalb der DDR (12)

Planetarium Tripolis 1981 · Planetarium Wolfsburg 1983 · Planetarium Medellín 1982 · Moschee Amman 1984 · Planetarium Kuwait 1985 · Planetarium Osnabrück 1986 · Radrennbahn Stettin 1987 · Radrennbahn Havanna 1989 · Planetarium Fulda 1989 · Planetarium Vantaa/Helsinki 1989 · Planetarium Algier 1990 (Entwurf) · Michael-Kirche Hannover 1992.

Abgerissen (17, alle DDR)

Haus der Stahlwerker Binz 1964 (2002) · Konsum-Pavillon Rostock 1966 · Gaststätte Heinrich-Heine-Felsen Halle 1968 · PGH Tonfunk Ermsleben 1969 · Ausstellungshallen Magdeburg-Rotehorn 1970 · Bürgergarten Döbeln 1970 · Buswartehalle Dranske 1970 · Speisesaal Haus Herta Binz 1971 · Gaststätte Baltic Rostock 1972 · Ahornblatt Berlin 1973 (2000) · Gaststättenkomplex Szczecin Rostock 1973 · Schülergaststätte Bergen 1974 · Faulbehälter Rostock-Bramow 1974 · Rettungsstation Strandwache I Binz 1975 · Bördestube Magdeburg 1975 · Orchesterpavillon Ralswiek 1980 · Großplanetarium Jena 1985.

Bekanntestes erhaltenes Wahrzeichen: Teepott Warnemünde 1968. Größte erhaltene Schale: Hyparschale Magdeburg 1969. Symbol des Verlusts: Ahornblatt Berlin, 2000 trotz Denkmalschutz abgerissen.

Wer war Ulrich Müther, und wie entwickelte sich sein Werk ab 1964?

Ulrich Müther, geboren am 21. Juli 1934 in Binz und dort am 21. August 2007 gestorben, war Bauingenieur und Bauunternehmer. Nach der Biografie auf Wikipedia entwarf und baute er etwa 74 doppelt gekrümmte Schalenbauwerke. Sein Werdegang führt vom väterlichen Baubetrieb auf Rügen über einen volkseigenen Spezialbetrieb bis zur Insolvenz 1999. Der Ingenieur, der planen, rechnen und ausführen konnte, blieb dabei die Konstante.

Vom Binzer Bauunternehmen zur ersten Hyparschale im Haus der Stahlwerker

Müther wuchs in eine Baufirma hinein. Parallel zum Studium übernahm er technische Verantwortung im elterlichen Betrieb in Binz und experimentierte dort mit kleinen Versuchsschalen. Die Jahresangaben dafür schwanken in der Fachliteratur zwischen 1956 und 1959.

1963 schloss er sein Studium an der Technischen Hochschule Dresden mit einer Diplomarbeit über „Hyperbolische Paraboloidschalen“ ab. Den Entwurf setzte er 1964 als Überdachung eines Mehrzwecksaals für das Betriebsferienheim „Haus der Stahlwerker“ in Binz um. Laut einer Darstellung von Prof. Matthias Ludwig vom Müther-Archiv war das der erste Hyparschalenbau aus Stahlbeton in der DDR. Der Bau wurde 2002 abgerissen.

Müthers wichtigstes Vorbild war Félix Candela, der das hyperbolische Paraboloid in den Schalenbau eingeführt hatte. Mit Candela und Pier Luigi Nervi teilte Müther das Berufsbild, denn alle drei verantworteten Entwurf und Ausführung zugleich.

Wie aus der PGH Bau Binz der VEB Spezialbetonbau Rügen wurde

1960 übernahm Müther den Vorsitz des Betriebs, der inzwischen zur Produktionsgenossenschaft des Handwerks umgewandelt worden war, der PGH Bau Binz. Mit ihr baute er 1966 die Messehalle in Rostock-Schutow.

1972 wurde die PGH verstaatlicht. Als Direktor des nun VEB Spezialbetonbau Rügen genannten Betriebs verhinderte Müther die Eingliederung in ein Kombinat. Nach dem Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung zählte der Betrieb damals etwa 100 Mitarbeiter und unterstand zuerst dem Kreis Rügen, später dem Bezirk Rostock.

Diese Struktur erklärt die Sonderstellung. Ein spezialisierter Betrieb mit geschulten Kräften für Schalung, Bewehrung und Betonage stand Architekten in der ganzen DDR als Partner zur Verfügung.

Bauen zwischen DDR-Aufträgen und den Umbrüchen nach 1990

In den 1960er- und 1970er-Jahren entstanden die Schalen vor allem im Inland: Gaststätten, Pavillons, Kirchen, Sporthallen und Veranstaltungsbauten. Später wurden sie zum Exportgut, mit Projekten unter anderem in Libyen, Jordanien, Kuwait, Polen, Kuba und Finnland.

1990 wurde der Betrieb an Müther zurückübertragen. Arbeitsintensive Sonderkonstruktionen und aufwendiger Schalungsbau waren unter Marktbedingungen zu teuer. Müther führte die Firma als Privatunternehmen bis zur Insolvenz 1999 weiter.

Wie tragen Müthers dünne Betonschalen?

Müthers Schalen tragen über ihre Form. Eine doppelt gekrümmte Fläche leitet Lasten überwiegend als Membrankräfte in der Schalenebene ab, wodurch wenige Zentimeter Beton große Spannweiten überbrücken. Geometrie, Bewehrung und Herstellung bilden dabei ein System, das nur gemeinsam funktioniert.

Teepott in Warnemünde
Teepott in Warnemünde

Hyparschalen: gekrümmte Flächen aus geraden Linien

Eine Hyparschale, kurz HP-Schale, hat die Form eines hyperbolischen Paraboloids, also einer Sattelfläche. Sie ist in zwei Richtungen gegensinnig gekrümmt und lässt sich trotzdem vollständig aus geraden Linien erzeugen.

Für den Bau hat das eine praktische Folge. Die Schalung entsteht aus geraden Brettern oder Kanthölzern, die gegeneinander verdreht verlegt werden. Gekrümmte Lehrgerüste sind nicht nötig. Diese Eigenschaft machte die Hyparschale für einen Betrieb mit Zimmerleuten und begrenzten Mitteln besonders geeignet.

Am „Teepott“ in Warnemünde zeigt sich das Prinzip in komplexer Form. Drei zusammengesetzte HP-Schalen mit gerundeten Kanten liegen an ihren drei Tiefpunkten auf Stützenpaaren. Eine senkrechte Stahlbetonstütze nimmt jeweils die Vertikalkräfte auf, eine Schrägstütze überträgt Wind und andere unsymmetrische Horizontalkräfte in die Fundamente.

Kurmuschel in Sassnitz
Kurmuschel in Sassnitz
Ahornblatt in Berlin
Ahornblatt in Berlin von 1973 – 2000 dann abgerissen
Planetarium in Wolfsburg
Planetarium in Wolfsburg

Stahlbeton, Ferrozement und die Herstellung mit Spritzbeton

Die meisten Schalen bestehen aus Stahlbeton. Für kleinere Bauten kam auch Ferrozement zum Einsatz: mehrere Lagen engmaschiger Drahtgewebe, satt mit Zementmörtel gefüllt. Diese Technik erlaubt sehr dünne, formbare Wandungen, wie sie etwa die Rettungsstation am Binzer Strand zeigt.

Gefertigt wurden die Schalen im Spritzbetonverfahren, wie eine Übersicht zur Geschichte der Schalenkonstruktionen festhält. Grundsätzlich unterscheidet man zwei Varianten:

VerfahrenMischungEigenschaften
Nassspritzverfahrenfertig angemachter Beton wird gefördertgleichmäßigere Qualität, weniger Rückprall
TrockenspritzverfahrenWasser kommt erst an der Düse hinzuflexibel, stärker abhängig vom Düsenführer

Bei beiden Verfahren entscheidet die Handarbeit über die Qualität. Gleichmäßige Schichtdicke und vollständige Einbettung der Bewehrung bestimmen, wie lange eine Schale im Seeklima hält.

Materialersparnis, Spannweite und räumliche Wirkung

Schalen überspannen große Flächen ohne Stützen und bleiben trotz geringer Stärke stabil. In der DDR passte diese materialsparende, wenn auch zeitaufwendige Herstellung zu knappen Ressourcen.

Die Zahlen zeigen das Verhältnis deutlich. Die Messehalle in Rostock-Schutow trägt auf zwei nur sieben Zentimeter dünnen HP-Schalen. Die Hyparschale in Magdeburg überspannt laut einer NDR-Bildstrecke eine Hallenfläche von 48 mal 48 Metern ohne eine einzige Stütze.

Im Raum wird diese Leistung als Weite spürbar. Die Dachfläche hebt sich an den Rändern, Glasfassaden schließen die Öffnungen. Der Grundriss bleibt frei für Gastronomie, Messe oder Sport.

Wo lässt sich Müthers Ingenieurbaukunst ablesen?

Am dichtesten lässt sich Müthers Werk an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns erleben, vor allem auf Rügen und in Rostock. Dort stehen kleine Strandbauten neben großen Hallen, sanierte Bauten neben veränderten. Wichtige Werke außerhalb der Region sind abgerissen oder nur über Archivmaterial zugänglich.

Auf Rügen: Rettungsturm, Kurmuschel und weitere Bauten der Badeorte

Der Rettungsturm im Ostseebad Binz von 1981 steht wie eine gelandete Kapsel in den Dünen. Bis 2004 diente er Rettungsschwimmern als Ausguck. Heute ist er Standesamt.

In Sassnitz steht die Kurmuschel von 1987, ein Musikpavillon, den Müther gemeinsam mit dem Architekten Dietmar Kuntzsch und dem Statiker Otto Patzelt entwickelte. Sie wurde 2006 und 2018 renoviert.

Weitere Bauten verteilen sich über die Insel:

  • Baabe: die ehemalige HO-Gaststätte „Inselparadies“ von 1966 mit Pilzschale als Dach, gerettet, saniert und denkmalgeschützt.
  • Sellin: das Schwimmbaddach von 1977 für das damalige Erholungsheim des SED-Zentralkomitees, heute Teil des Cliff-Hotels.
  • Glowe: die Gaststätte „Ostseeperle“ am Strand.
  • Bushaltestellen: kleine Wartehäuschen, im Volksmund „Taucherhelm“ genannt.

Gerade die Kleinbauten lohnen einen genauen Blick. An ihnen lassen sich Schalendicke, Randausbildung und Anschluss an Fenster aus nächster Nähe ablesen.

In Mecklenburg-Vorpommern: Teepott, Rostocker Messehalle und Stadthalle Neubrandenburg

Der „Teepott“ in Warnemünde entstand 1968 zur 750-Jahrfeier Rostocks auf den Grundmauern eines abgebrannten Vorgängerbaus. Die Gestaltung lag bei Erich Kaufmann, Hans Fleischhauer und Carl-Heinz Pastor, die Schalenkonstruktion bei Müther. Ursprünglich bot der Bau ein Restaurant mit 128 Plätzen, ein Café mit 162 Plätzen und eine Bar mit 90 Plätzen. Und 2018 wurde er als „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ ausgezeichnet.

Die Rostocker Messehalle von 1966 wurde bis 2022 umfassend saniert und dient heute als Angelgeschäft. Für diese Sanierung erhielt der Bad Doberaner Ingenieur Carsten Großmann 2023 den Publikumspreis der Ingenieurkammer M-V.

Die Stadthalle Neubrandenburg von 1969 war Ort für Handball, Fußballturniere und Feiern. 2023 endete dort eine dreijährige Sanierung.

Jenseits der Region: Ahornblatt, Planetarien und internationale Projekte

Die Großgaststätte „Ahornblatt“ in Berlin stand seit 1995 unter Denkmalschutz und wurde im Jahr 2000 abgerissen. Ihr Verlust machte Müthers Werk erst einer breiteren Öffentlichkeit bewusst.

Außerhalb der DDR wirkte Müther an Zeiss-Planetarien mit, unter anderem in Finnland, Kuwait und Libyen sowie in Wolfsburg. Dazu kamen eine Moschee in Jordanien und eine Radrennbahn auf Kuba. In Magdeburg wird die Hyparschale, das größte noch stehende Müther-Denkmal, derzeit saniert.

Was bleibt von den Schalenbauten der Ostmoderne?

Erhalten bleibt ein Bestand, der sich klar in drei Gruppen teilt: instand gesetzte Bauten mit tragfähiger Nutzung, umgenutzte oder leerstehende Bauten und abgerissene Werke. Welche Gruppe ein Bau erreicht, hing nach 1990 weniger am Denkmalwert als an Nutzung, Eigentum und Geld.

Abriss, Umnutzung und die Grenzen des Denkmalschutzes

Nach 1989 verloren viele Bauten ihre ursprüngliche Nutzung. Gaststätten großer Betriebe und Ferienheime fanden keine Betreiber mehr, manche Bauten verfielen, andere wurden unsachgemäß saniert.

Der Denkmalschutz schützte nicht in jedem Fall. Das „Ahornblatt“ fiel trotz Denkmalstatus, das „Haus der Stahlwerker“ in Binz verschwand 2002. Erfolgreiche Beispiele wie der „Teepott“ zeigen das Gegenmodell: Nach rund zehn Jahren Leerstand wurde er 2002 saniert und mit Gastronomie, Tanzsaal, Büros und Einzelhandel gemischt genutzt.

Für den Umgang mit Schalen gilt eine fachliche Einsicht. Die Tragwirkung hängt an der genauen Geometrie, deshalb verändern schon nachträgliche Öffnungen, Aufbauten oder dicke Dämmschichten das Bauwerk grundlegend.

Wie Rettungsturm und Kurmuschel instand gesetzt wurden

Die Wüstenrot Stiftung wählte nach Begutachtung mehrerer Müther-Bauten den Rettungsturm in Binz und die Kurmuschel in Sassnitz für eine denkmalpflegerische Instandsetzung aus. Beide stehen exponiert an der Küste, wo Sand, Wind und Wasser die Substanz stark angegriffen hatten.

Die Schäden unterschieden sich je nach Bauwerk:

  • Rettungsturm: Temperaturschwankungen und hohe Luftfeuchte belasteten die dünne Schale und die hölzernen Fenster. Kondenswasser und Schimmel zerstörten Holzeinbauten und Beschichtungen.
  • Kurmuschel: Bei Sturm drang Feuchtigkeit in Schalenoberflächen und Kulissenbauten ein, bei Sturmflut treffen Wellen und Treibgut den Bau.

Restauratorische Untersuchungen an der Kurmuschel brachten die bauzeitliche Farbfassung zutage, die rekonstruiert wurde. Den Rettungsturm eröffneten die Gemeinde und die Stiftung am 26. April 2019 mit einer Abendveranstaltung neu.

Was das Müther-Archiv über Entwurf und Zusammenarbeit bewahrt

Seit 2006 liegt Müthers beruflicher Nachlass an der Hochschule Wismar. Nach Angaben der Hochschule Wismar umfasst er 156 laufende Meter Schriftgut, fast zehntausend Zeichnungen, mehr als fünftausend Fotografien und 32 Modelle.

Ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes Projekt erschloss den Bestand bis Februar 2020. Seitdem dient eine öffentliche Datenbank des Vereins Müther-Archiv als digitales Findmittel, seit März 2020 werden Teile digitalisiert.

Für Planende ist das Archiv mehr als Erinnerung. Pläne und Schriftverkehr zeigen, wie Architekten, Statiker und Müthers Betrieb Aufgaben verteilten, und sie liefern die Grundlagen, die jede Sanierung braucht.

Müthers Schalen als Maßstab für den Umgang mit dem Bestand

Müthers Schalen zeigen, wie präzise Geometrie, wenig Material und handwerkliche Ausführung zusammen große, nutzbare Räume ergeben. Seine Ingenieurbaukunst beruhte auf der Einheit von Berechnung und Bau, organisiert in einem kleinen, spezialisierten Betrieb in Binz.

Für den heutigen Bestand folgen daraus konkrete Aufgaben:

  • Geometrie sichern: Eingriffe an Schalen nur auf Grundlage originaler Pläne und Berechnungen.
  • Feuchte beherrschen: Bewehrungsüberdeckung, Fensteranschlüsse und Lüftung zuerst prüfen, gerade an der Küste.
  • Nutzung finden: Standesamt, Konzertpavillon oder Fachhandel zeigen, dass auch ungewöhnliche Programme den Bau tragen.
  • Bauzeitliche Fassung untersuchen: Farbe und Oberfläche gehören zur Erscheinung der Schalenbauten.

Wer einen Müther-Bau besucht, plant oder betreut, beginnt am besten mit der Recherche im Wismarer Archiv und mit einem Blick auf die Ränder der Schale, wo sich Zustand und Präzision zuerst zeigen.

Häufig gestellte Fragen

Was ist eine Hyparschale bei Ulrich Müther?

Eine Hyparschale ist ein Tragwerk in Form eines hyperbolischen Paraboloids, einer Sattelfläche aus geraden Linien. Müther schrieb 1963 seine Diplomarbeit darüber und machte sie zu seinem Markenzeichen. Die geraden Erzeugenden erlaubten eine einfache Holzschalung bei sehr dünnem Beton.

Welches war Ulrich Müthers erster Schalenbau?

Als erster realisierter Hyparschalenbau aus Stahlbeton in der DDR gilt die Überdachung eines Mehrzwecksaals im Ferienheim „Haus der Stahlwerker“ in Binz von 1964. Sie ging auf seine Diplomarbeit zurück. Der Bau wurde 2002 abgerissen.

Welche Müther-Bauten sind auf Rügen erhalten?

Erhalten sind unter anderem der Rettungsturm in Binz, die Kurmuschel in Sassnitz, das „Inselparadies“ in Baabe und das Schwimmbaddach des heutigen Cliff-Hotels in Sellin. Dazu kommen kleine Bushaltestellen wie der „Taucherhelm“. Rettungsturm und Kurmuschel wurden durch die Wüstenrot Stiftung instand gesetzt.

Warum wurden einige Schalenbauten nach 1990 abgerissen?

Viele Bauten verloren nach der Wende ihre Nutzung und ihre Betreiber. Ohne neue Nutzung verfielen sie oder mussten Neubauplänen weichen, wie das Berliner „Ahornblatt“ im Jahr 2000 trotz Denkmalschutz. Sanierungen waren zudem aufwendig, weil dünne Schalen fachkundige Eingriffe verlangen.

Wo ist Ulrich Müthers Nachlass zugänglich?

Der Nachlass liegt seit 2006 im Müther-Archiv an der Hochschule Wismar. Eine öffentliche Datenbank erschließt den Bestand seit 2020 für Recherchen, Teile sind digitalisiert. Pläne, Fotografien und Modelle lassen sich dort für Forschung und Sanierungsplanung einsehen.

Bildquellen:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sassnitz_Kurmuschel_04.jpg

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2000-08-06_Ahornblatt.jpg

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Planetarium_Wolfsburg_Kuppeln.jpg

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:BinzBushaltestelle_M%C3%BCther_2010_W.jpg

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